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Gesamtkapital

Vom Gesamtkapital im Unterschied zum Einzelkapital kann erst dann die Rede sein, wenn das Kapital die wichtigsten Produktionssphären beherrscht. Die "ursprüngliche Akkumulation" (Marx) ist der historische Prozess der Konstitution des Gesamtkapitals. In diesem Konstitutionsprozess bildet sich der moderne Nationalstaat heraus, der mit seiner anfangs merkantilistischen Politik den Prozess der Gesamtkapitalbildung beschleunigt. 

Entscheidend ist das in einer Region investierte gewerbliche Kapital, darunter  Infrastruktureinrichtungen, gewerbliche Bauten, Anlagen, Maschinen, Einrichtungen für Bergbau, Landwirtschaft etc. Ein großer Teil des Kapitals schlägt Wurzeln, wird immobil, hängt auf Gedeih und Verderb am Schicksal der entsprechenden Region. Anders als das Handelskapital kann es bei Gefahren nicht einfach außer Landes gebracht werden. Schon von daher sind die Interessen des Industriekapitals viel stärker auf den Standort bezogen. 

Zugleich bildet sich durch die Kombination verschiedener Produktionszweige eine gesellschaftliche Produktivkraft heraus, die allen Kapitalen dieser Region nutzt und die einmaligen Charakter besitzt.

Zu den gesellschaftlich geschaffenen Produktivkräften kommen noch die Naturgegebenheiten. “Der Umstand jedoch”, schreibt Marx im Zweiten Band des Kapitals  “dass Arbeitsmittel lokal fixiert sind, mit ihren Wurzeln im Grund und Boden feststecken, weist diesem fixen Kapital eine eigene Rolle in der Ökonomie der Nationen zu. Sie können nicht ins Ausland geschickt werden, nicht als Waren auf dem Weltmarkt zirkulieren.” 

Durch die Art, die Ausstattung und die Kombination der verschiedenen Produktionszweige sind einerseits die technischen und gesellschaftlichen Bedingungen des Arbeitsprozesses, also die Produktionsweise selbst, andererseits die allgemeinen Verwertungsbedingungen des Kapitals festgelegt.

Das Gesamtkapital ist nun keineswegs mehr nur die Summe aus Einzelkapitalen bzw. deren Bewegungen, es besitzt eine eigenständige Qualität. Dazu gehört die besondere Reproduktionsweise des Gesamtkapitals, die in der Verbindung von Einkommens- und Kapitalkreisläufen besteht und die Proportionierung von Stoff- und Wertersatz. 

Das Gesamtkapital tritt in Gestalt der Durchschnittsprofitrate als tatsächlich agierende Einheit auf. Diese Eigenständigkeit zeigt sich nach innen hin im Ausgleich der Profitraten zwischen den Einzelkapitalen: Die Profitrate des Gesamtkapitals oder die Durchschnittsprofitrate behandelt tatsächlich jedes Einzelkapital als Teil eines gemeinsamen Ganzen; sie beherrscht die scheinbar selbständige Bewegung der Einzelkapitale. Das Kreditsystem dient als Vermittler dieser Bewegung und ist gerade nicht das Steuerungsorgan, wie von der FMK-Theorie behauptet.  

Das Kapital hat zwei Gesichter: Es ist Einzelkapital und als solches ist es zugleich Teil eines Gesamtkapitals. 

Die Volkswirtschaftslehre thematisiert in der mikroökonomischen Unternehmenstheorie das Einzelkapitel, wobei aber die Bestimmungen des Kapitals als Natureigenschaften von Menschen aufgefasst werden. Entsprechend ist das Kapital auf ein bloßes Instrument reduziert. Dem "homo-oeconomicus“ werden unter der Hand die modernen kapitalistischen Verhaltensweisen als unumstößliche Naturgesetze der Gesellschaft unter geschoben. Soweit die Mikroökonomen die Gesamtheit der Kapitale überhaupt thematisieren, geschieht dies durch Addition von Individuen, genauer betrachtet durch Aggregation der entsprechenden individuellen Angebots- und Nachfragekurven. Sie machen sich keinerlei Gedanken über den Rahmen der Aggregation. Stillschweigend unterstellen sie die Staatsgrenzen als die ökonomischen Grenzen. Es kommt der Mikroökonomie nicht in den Sinn, über die ökonomischen Voraussetzungen der politischen Grenzziehung nachzudenken.

Die Makroökonomen gehen faktisch von der Volkswirtschaft aus, gliedern diese nach der Art der gehandelten Waren in Güter-, Geld- und Arbeitsmarkt bzw. nach Art der beteiligten „Wirtschaftssubjekte“, die aber im Unterschied zur Mikroökonomie nicht als isolierte Einzelwesen sondern immer als große Handlungseinheiten, als kollektive Subjekte auftreten. Es geht ihnen von vornherein um gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge. Aber auch sie setzen stillschweigend voraus, dass der Staatsraum den volkswirtschaftlichen Raum fixiert.

Ältere Theorien waren da weiter: Bereits die Physiokraten entdeckten die selbst gesteuerte Reproduktion des Gesamtkapitals. Das „Tableau Economique“ des französischen Physiokraten Francois Quesnay zeigt in wenigen Zahlen die Reproduktionsbewegung des Gesamtkapitals auf, ein „höchst genialer Einfall“, wie Marx diesen Versuch nannte, „unstreitig der genialste, dessen sich die politische Ökonomie bisher schuldig gemacht hat".

Einen Höhepunkt in der politischen Ökonomie der Gesamtkapitale markiert die Marxsche Kapitaltheorie. Tatsächlich hat Marx im zweiten Band des Kapitals en détail nachgewiesen, wie sich ein Gesamtkapital konstituiert, wie es die Reproduktion aller Klassen der modernen Gesellschaft einschließt.

In den unten stehenden Publikationen wird u.a. die Reproduktionstheorie von Marx knapp zusammengefaßt. Das Problem, warum es eine Vielzahl von Gesamtkapitalen gibt, hat Marx aber nicht gelöst. Das von mir entwickelte "Gesetz der Repulsion von Kapitalen mit unterschiedlicher Verwertung" ist der Versuch einer Lösung.

In dem Aufsatz "Drei Gesichter des Kapitals. Globalität, Nationalität und Individualität" wurde eine erste Begründung für die Vielzahl der Nationalökonomien und Staaten geliefert. Eine Fortsetzung fand diese Analyse in dem Buch Nationalökonomie & Staat. 


Mehr dazu: 

Guenther Sandleben, Nationalökonomie & Staat. Zur Kritik der Theorie des Finanzkapitals, VSA-Verlag 2003 

Sandleben, Guenther (1998): Drei Gesichter des Kapitals. Globalität, Nationalität, Individualität, in: Kalaschnikow, 2/98


Jetzt auch als Internetversion verfügbar: Drei Gesichter des Kapitals. Globalität, Nationalität, Individualität 

Reproduktionstheorie.doc

Wirtschaftskreislauf.doc

Unequal Exchange? Marx’ Solution to the Value Problem on the World Market
http://file.scirp.org/pdf/TEL_2016071914255648.pdf